Recap 25. Bonner Dialog für Cybersicherheit

Digitale Souveränität: Selbstbestimmt, sicher, souverän. Deutschlands digitaler Drahtseilakt

Wie viel Kontrolle haben wir noch über unsere digitale Infrastruktur, und was kostet es, sie zurückzugewinnen? Um diese Frage ging es beim 25. Bonner Dialog für Cybersicherheit (BDCS) am 6. Oktober 2026 auf dem Campus Poppelsdorf der Universität Bonn. Zur Jubiläumsausgabe war der Hörsaal voll, und schnell wurde klar: Digitale Souveränität ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie muss jeden Tag verteidigt und Stück für Stück ausgebaut werden.

Die komplette Aufzeichnung gibt es auf YouTube: Jetzt das Video zum 25. BDCS ansehen

Grußwort: Digitale Souveränität heißt Wahlfreiheit

Bürgermeisterin Dr. Ursula Sautter begrüßte die Gäste im Namen der Bundesstadt Bonn und erinnerte daran, dass Bonn mit zahlreichen Akteurinnen und Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichen Institutionen ein bedeutender Standort für Cybersicherheit ist. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht Abschottung. Es geht darum, Wahlmöglichkeiten zu behalten, Risiken beurteilen zu können und auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben. Das betrifft Kommunen genauso wie Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Keynote: Wie Schleswig-Holstein auf Open Source umstellt

Isabell Weiß, CISO des Landes Schleswig-Holstein, zeigte, wie das Land rund 30.000 Arbeitsplätze Schritt für Schritt auf Open Source umstellt. Der Weg setzt nicht auf einen großen Knall, sondern auf viele kleine, gut begleitete Schritte:

  • Zuerst kam LibreOffice neben die bestehende Office-Installation, begleitet von Schulungen und einem niedrigschwelligen „LibreOffice Café“, in dem Mitarbeitende Fragen stellen und ausprobieren konnten.
  • Danach folgte Nextcloud neben SharePoint, später Open-Xchange für rund 44.000 Mail-Accounts sowie Matrix und OpenProject.
  • Die klare Regel: Alles Neue entsteht im Open Document Format (ODF), neue Kollaborationsbereiche entstehen in der Nextcloud.
  • Die Staatskanzlei arbeitet inzwischen fast vollständig auf Linux-Arbeitsplätzen. Ausnahmen gibt es dort, wo harte Abhängigkeiten bestehen, etwa bei SAP.

Gerade das letzte Beispiel zeigt: Abhängigkeit ist keine Frage der Herkunft eines Herstellers. Sie entsteht überall dort, wo proprietäre Schnittstellen und geschlossene Formate über Jahre gewachsen sind. Ihr Punkt: Abhängigkeit hat einen Preis, der auf keiner Lizenzrechnung steht. Und ihr Appell an Behörden, Hochschulen und Unternehmen: mutig sein und es zumindest ausprobieren.

Podium: Markt, Kapital und Mut

Daniel Kästle (CISO, IONOS) brachte die Perspektive aus dem Markt ein. Europa hat aus seiner Sicht kein Talent- und kein Forschungsproblem, sondern Strukturprobleme. Vier Punkte bremsen europäische Sicherheitsanbieter:

  • Startups fehlt oft der erste Kunde, mit dem sie ihr Produkt gemeinsam erproben können.
  • In späteren Finanzierungsrunden fehlt Wagniskapital, häufig kommt das Geld dann aus den USA.
  • Beschaffung bevorzugt große Namen, und Anforderungen wie umfangreiche Zertifizierungen sind für junge Unternehmen kaum zu erfüllen.
  • Der europäische Markt ist durch Regulierung, Lokalisierung und Beschaffungsprozesse stark fragmentiert.

Sein Fazit: Wahlfreiheit setzt Alternativen voraus, und Alternativen entstehen nur, wenn wir sie auch einkaufen. Dafür braucht es mehr Mut zum Ausprobieren, zum Beispiel mit Lösungen für weniger kritische Bereiche, und einen stärkeren Blick auf Chancen statt nur auf Risiken.

Bianca Kastl (Entwicklerin und digitale Erklärbärin) näherte sich dem Thema über die Hacking-Kultur, deren Wurzeln in einem Modelleisenbahn-Club am MIT liegen: Man will verstehen, was unter der Oberfläche passiert. Genau das ermöglichen die vier Freiheiten von Open Source: Software nutzen, verstehen, anpassen und weitergeben. Souverän ist, wer reinschauen, kritisch prüfen und bei Bedarf selbst verändern kann. Und am Ende sind es immer Menschen, die einen Schritt weiter gehen und solche Projekte möglich machen.

Offene Diskussion: 13 Fragen aus dem Publikum

Das Publikum hat die Diskussion mit 13 Fragen geprägt. Ein Auszug der Themen:

  • Wie nimmt man alle Mitarbeitenden mit, und was kostet die Umstellung?
  • Wie geht die Verwaltung mit KI-Sprachmodellen um?
  • Überfordert der Cyber Resilience Act Open-Source-Startups und KMU?
  • Warum steht bei Open-Source-Ausschreibungen der Preis ganz oben?
  • Fließt etwas zurück in Open-Source-Projekte, und baut die Verwaltung eigene Kompetenz auf?
  • Wohin meldet man Sicherheitslücken in Behördensoftware?

Alle Fragen und Antworten gibt es in der Aufzeichnung auf YouTube.

Fazit: Moderator Prof. Dr. Michael Meier (Universität Bonn und Fraunhofer FKIE) fasste zusammen, was an diesem Abend am häufigsten fiel: Mut. Digitale Souveränität entsteht durch konkrete Entscheidungen, durch Beschaffung und durch Menschen, die einen Schritt weiter gehen. Oder wie es hängen blieb: Alles Neue mit LibreOffice und Nextcloud, im ODF-Format.

Danke an unsere Partner: Fraunhofer FKIE, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Bundesstadt Bonn, Deutsche Telekom, IHK Bonn/Rhein-Sieg und HiSolutions sowie an alle Referierenden, das Podium, unsere Gäste und an alle, die dieses Event möglich gemacht haben.

Noch mehr Bonner Dialog? Hier geht es zum Rückblick auf den 24. Bonner Dialog für Cybersicherheit zum Thema Desinformation.

Verpasst? Die vollständige Aufzeichnung des 25. BDCS steht hier zur Verfügung: https://youtu.be/7xLKY_vJpsk

Reinschauen lohnt sich.

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